Wege zum Ziel... der Jakobsweg - camino primitivo

in hive-146118 •  5 months ago 

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Nach einem sättigendem Frühstück, aufgearbeiteter, gepflegter Ausrüstung mache ich mich auf den Weg zur Kathedrale im Oviedo.

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Früher hatte ich öfter mit meinen Großeltern diese Wallfahrtsorte und Kirchen besucht, bei manchen, auch hier, spürt man, dass sie nicht wahllos in eine Landschaft gestellt wurden, eigentlich würde man es eher heidnischen Kulturen zuordnen, aber viele solche Orte sind vergleichbar mit Pilzgeflechten, die sich über oft grosse Flächen ziehen, aber der sichtbare Pilz ist so wie diese Bauwerke aus einem unsichtbaren Wurzel, Nahrungs- und Energiegeflecht entstanden.

Das Mycel des spirituellen Leben war oft unsichtbarer, aber wirksamer als die sichtbaren Teile. So wie eine Tomatenpflanze sich metertiefe wurzeln zzm Wasser in den Boden bauen vermag, so stehe ich hier völlig kontrovers unverwurzelt vor der Kathedrale, gewillt Wurzeln, Tradition und Mythos zu folgen.

Schon beim Weg aus der Stadt macht sich in mir breit, es ist anders als bisher! Diese Marschroutine ist ungebrochen da, die Kraft sich aufbauend, jeden Tag erleben und entdecken zu wollen, und dennoch...

Am Blick zurück auf die Stadt und nach vorne, entdecke ich bereits auch strukturelle Unterschiede zur küstennahen Route.

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Es täuschte nicht, wenig später lief ich auf eingezäunten Wegen, Pfaden, man konnte sich hier nicht verlaufen, Zaun an Zaun, ich fliesse wie das Blut in Adern durch den Weg, bereits am ersten Tag merkte ich sofort nach ettlichen km Weidezäunen, hier ist die Welt anders, alles gehört jemand und diesee Jemand hat Grenzen gebaut, für sich, andere und sein Vieh.

Im Laufe der Strecke wurde ich manchmal etwas störend bereits mit Gebell und Gefletsche von Hunden links und rechts empfangen. Der Zaun schützte uns gegenseitig. Ich wurde regelrecht begleitgebellt! Es schallte von links von rechts von vorne und hinterher.

Am Anfang war es ungewohnt, mit der Zeit gewohnte man es wie den Strassenlärm. Ich habe keine Vorstellung wie das im vorherigen touristischen Zeiten mit ein paar 100 Pilger jeden Tag war, aber da mag doch so mancher weide- und Gartenzaunbellhals manchmal heiser auf der wampe gelegen sein, ich redete mir aber ein, dass sie sich freuten, dass mal endlich wieder jemand vorbeikam.

Es waren Feld- und Sandwege, wenig Asphalt, ich versuchte Spuren anderer, Fussabdrücke im Boden vergeblich zu finden.

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Ich war auf einem anderen Weg angekommen. Gerade hier im Landesinneren war alles so anders, an der Küste die freie Natur und hier die zäune und alles gut landwirtschaftlich genutzt.

Es irritierte mich, ja und auch hier spürte ich, wie das einwirken der Umgebung, ob mans will oder nicht, es macht etwas mit mir, auch dann wenn man glaubt innerlich gefestigt zu sein.

Da kommen auch ganz andere Erinnerungen und Gedanken aus der Vergangenheit in den Sinn. Man fühlt sich auch nicht mehr so frei, ich erinnere mich noch an die schlechtere Autobahn von früher, aber das Auge fasste im Weitwinkel auch die Landschaft. Heute fährt man meist wie im Tunnel, links und rechts zubetoniert.

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Die öffentlichen Herbergen waren geschlossen.

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Dennoch fand sich immer ein Plätzchen zum nächtigen, ich fragte Bauern, ob ich irgendwo mein Zelt aufstellen dürfte, hier fand ich 4 m2 ungedüngten Boden.

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Man findet hier diese kleinstrukturierte landwirtschaftliche Kultur, sehr ursprünglichen Charakter so wie aus meiner Kindheit.

Alles ist wie in den Berichten beschrieben, die Wege sind schmutziger, teilweise sehr tief, manchmal steckte ich unausweichlich in Schlamm und Kuhfladen tief im Boden, man trifft auf alte Bauwerke.

Ich war oft damit beschäftigt bei den vielen Brunnen mit hervorragenden Trinkwasser mich zu waschen und meine Flasche aufzufüllen.

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Und mit jedem Tag wurde es wärmer, die Sonne setzte sich mehr und mehr durch.

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Es war später Nachmittag in Salas, es gab keine geöffnete Herberge, also ging ich durch das Flusstal wie beschrieben weiter, seit dem Start im Oviedo ging ich gefühlt immer bergauf, ich gehe ohnehin lieber bergauf als bergab und ich erreichte am Ende des Aufstiegs eine Ebene, zuvor überlegte ich bereits im Wald zu zelten, obwohl ich das eigentlich nicht mag, mein Gefühl sagte mir weitergehen, ich folgte. Dort saßen ein Mann und eine Frau, ich fragte, ob sie den einen Zeltplatz für die Nacht kennen würden. Wir kamen ins Gespräch und ich hatte nicht erwartet, dass Nikolas eine pikgerherberge betreibt, natürlich nahm ich sein Angebot an und ich folgte ihm.

Er betreibt in einem gepachteten Haus die Herberge, erzählte vom völligen Totalschaden durch die Pndemie, ich war seit einem Monat der erste Gast und man merkte in seiner überfürsorglichen Bewirtung welch Freude er hatte wieder mal einen Gast zu haben. Der Hausbesitzer hatte auf die Miete verzichtet und er hoffte, dass es bald wieder Einnahmen geben wird, damit er weitermachen kann, man gibt eine freiwillige Leistung, er möchte dies beibehalten . Er lebt das mit Leib und Seele. Im ersten lockdown sass eine Pilgerin aus England 3 Monate bei ihm fest.

Wir saßen die halbe Nacht, meine Kleidung war gewaschen, getrocknet, ich hatte warmes Essen, einfach, aber sehr lecker. Der Kaminofen wärmte. Nach einem guten Frühstück und der Fortsetzung unserer nächtlichen Unterhaltung setzte ich gegen mittag den Weg fort mit ein paar guten Tipps.

Wenn man die Tage in Einsamkeit und Stille verbrachte, so war so eine Begegnung eine großartige Abwechslung.

So wie der Weg beschrieben wurde, ging es durch Asturien über die Hügel in Richtung Galizien.

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Die Berge wurden höher, die Vegetation karger.

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Und da war sie wieder, diese weitläufige Natur, die Stille, zaunfrei, gebellfrei, lärmfrei, ohne Strassenverkehr, sauberer, steiniger.

Eine Variante über den höchsten Berg dort hab ich ausgelassen, ich genoss es in der Mittagssonne zu verweilen, nach Tagen von kühlem, regnerischen Wetter war die Sonne wie Balsam auf der Haut, natürlich mit der Gefahr sich gleich eine Dosis Röte und Sonnenbrand zu holen. Und plötzlich musste ich auch daran denken mein Proviant vor Überwärmung zu schützen. Endlich der ersehnte Frühling!

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Ich hatte Asturien hinter mir gelassen und es war oft so, dass ich genau an die Bilder kam wie beschrieben und wenn ich heute einen Beitrag sehe, klar wr ich auch!

Dem zitierten Weg als Ziel sei gesagt, ab hier sind diese Steine mit der Entfernung zum Ziel, wie im Navigationssystem, zu diesem Zeitpunkt möchte man das gar nicht mehr wissen, gedanklich bog ich jedenfalls nicht auf die zielgerade.

Ganz im Gegenteil, etwas Wehmut kommt auf "nur" mehr 130 km da bin ich ja in 3 bis 4 Tagen dann durch. Würdest du einen Bekannten anrufen und fragen ob er Lust hätte jetzt 130 km spazieren zu gehen, würd er fragen, ob du ein Medikament an dem Tag vergessen hast.

Es kommen dann diese Gedanken, wenn mich nachher wer fragt, wie wars ... erzähl ... was sag ich dann!??? Ich kann ettliche Fotos zeigen und natürlich auch selfies zum Beweis... ich!!!! ... war da und nicht das Internet.

Diese Brücke hat einen liveticker und führt Buch wie oft sie fotografiert wurde. Caminostar, instamodel, oft im Internet ... Achtung! Gag!

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Ja ich werde es in 130 km von 900 geschafft haben. Die Ankündigung der Aufhebung von Massnahmen ab 10.Mai veranlasst auch wieder mehr öffentliches Leben, ich sah und traf mehr Leute an.

Als ich in Lugo, der letzten großen Stadt vor santtiago de compostella ankam waren die Strassen belebt bereits.

Die Geschäfte waren offen, ich übernachtete direkt in einer Pension im Zentrum, wieder einziger Gast, noch inmer.

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Nach einem guten Espresso folgte ich der Markierung aus der Stadt. Finale...

Über eine Ebene mit sanften Hügeln geht man Richtung santiago de compostella, hier am Weg treffen dann in der Folge auch andere Pilgerwege zusammen.

Ungewohnt, aber ich treffe ein paar wenige andere Pilger auf den letzten km, an ihrer Ausrüstung war zu erkennen, dass sie nur 1 Tag oder eine kürzere Strecke zurücklegten.

Es geht am Flughafen vorbei ... wandert durch die Vorstadt
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Ich war in der Stadt angekommen, den Weg hinter mich gebracht... Finale oho!

Im nächsten, abschließenden Post berichte ich über die letzten km bis zur Kathedrale und meinem spirituellen Weg und
"Danach "

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